Der Einfluss von Gleichaltrigen auf die Schulwahl
Soziale Ungleichheit in der Bildung ist eine komplexe, vielschichtige Herausforderung. Dieses Faktenblatt präsentiert die Ergebnisse einer aktuellen Studie mit 60'000 niederländischen Schülerinnen und Schülern (SuS) zum Einfluss von Gleichaltrigen auf die Wahl der Sekundarschule.
Der niederländische Kontext bietet eine wertvolle Grundlage für das Verständnis der Schulwahl in Europa, da diese relativ frei ist: Praktisch alle Schulen werden öffentlich finanziert, und die SuS sind
geografisch nicht durch Schuleinzugsgebiete oder Bezirke gebunden.
Die Studie ist hier zugänglich.
Zentrale Ergebnisse
1. Die Schulwahl als soziale Entscheidung
Die Wahl der Sekundarschule ist im Wesentlichen eine soziale Entscheidung, die durch gleichaltrige Mitschüler:innen in der Primarschule geprägt wird. Familien entscheiden sich häufiger für eine bestimmte Schule, wenn viele Kinder aus der gleichen Primarschule ebenfalls dorthin wechseln. Dieser Effekt bleibt auch bestehen, wenn man berücksichtigt, wie weit die Schule entfernt ist, wie gut sie ist und wie ihre Schülerschaft zusammengesetzt ist.
2. Soziale Unterschiede beim Einfluss von Gleichaltrigen
Die Orientierung an Gleichaltrigen beim Übergang in die Sekundarstufe ist besonders ausgeprägt bei SuS, deren Eltern keine höhere Bildung abgeschlossen haben. Die soziale Gruppe kann für benachteiligte SuS eine kompensierende Funktion übernehmen, indem sie begrenzte Bildungsressourcen teilweise ausgleicht. Diese Lernenden treffen Bildungsentscheidungen häufig autonomer, während bei privilegierten Kindern elterliche Einflussnahme stärker wirkt.
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Chancen
Wenn der Einfluss Gleichaltriger bewusst einbezogen wird, können Massnahmen zur Förderung sozialer und leistungsbezogener Durchmischung wirkungsvoller gestaltet werden. Da Entwicklungen aus der Primarstufe oft in der Sekundarstufe weiterwirken, können Bildungsbehörden Übergangsregelungen und Schulzuteilungen so gestalten, dass Bildungswege besser aufeinander abgestimmt sind.
Empfehlungen
1. Übergänge gezielt gestalten
Segregation, die bereits in der Primarschule entsteht, kann sich durch Gleichaltrigen-Effekte bei der Schulwahl in späteren Bildungsstufen fortsetzen. Eine gute Desegregationspolitik sollte deshalb die Verbindungen zwischen den verschiedenen Bildungsstufen mitdenken und Übergänge so gestalten, dass sie mehr Durchmischung ermöglichen.
2. Schüler:innen bei Bildungsübergängen aktiv unterstützen
Gut zugängliche Informationen, etwa durch Schulführungen oder ähnliche Angebote, können helfen, das Bild von Schulen zu verbessern und den Blick für mögliche Bildungswege zu erweitern. Entscheidend ist, dass solche Angebote alle Familien erreichen – insbesondere jene aus benachteiligten Gruppen.
Fazit
Die niederländische Studie zeigt, dass Gleichaltrige bei der Schulwahl eine wichtige Rolle spielen. Die Ergebnisse verdeutlichen zudem, dass die Segregation in der Sekundarstufe teilweise auf die Dynamik unter Gleichaltrigen in der Primarschule zurückzuführen ist, wodurch sich soziale Ungleichheiten im Zeitverlauf verfestigen oder verstärken. Die Entwicklung von (gezielten) Massnahmen, die SuS aller sozialen Schichten unterstützen, ist für die Förderung der Bildungschancen aller Lernenden entscheidend.
Autorinnen
Dr. Doris Hanappi, Dr. Yvonne Oberholzer, Medea Fitzlaff, Miriam Daepp
Originalbeitrag
Zwier, D., Geven, S., Bol, T., & van de Werfhorst, H. G. (2023). Let’s Stick Together: Peer Effects in Secondary School Choice and Variations by Student Socio-Economic Background. European Sociological Review, 39(1), 67–84. https://doi.org/10.1093/esr/jcac033
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